Was macht eigentlich… II

Ein Tag im Leben des Studenten Ian – Ausgabe II: 3.Woche des Semesters

Dienstagmorgen, 08:00, Ian Student sitzt tatsächlich schon im Hörsaal und hat sogar alle Unterlagen dabei. Das heisst alle, die bis zum gestrigen Abend von den Dozenten hochgeladen wurden. Professor Schnurrbart ist in dieser Hinsicht sehr zuverlässig, Ian Student würdigt dieses Engagement mit grundsätzlicher Aufmerksamkeit während seiner Vorlesungen. Es geht um Rezeptoren, Rezeptorsubtypen und Wirkmechanismen von Medikamenten. Letzteres wäre ja streng genommen noch kein Stoff für die Vorklinik, doch Professor Schnurrbart weiss genau dass er die nach Klinik lechzenden Zweitjährler mit hier und da eingestreuten Medikamentennamen und Krankheitssymptomen bei der Stange halten kann. So auch Ian.

Motiviert macht er sich Notizen, und fühlt sich seinem Berufswunsch, der Anästhesie schon ein bisschen näher, als Mechanismen zur zentralen und peripheren Schmerzhemmung besprochen werden. Wie im Flug vergeht die Doppelstunde. Nach einem gemeinsamen Gänsemarsch aller Studenten in das Gebäude der naturwissenschaftliche Fakultät stehen zwei Lektionen Physik an. Ian seufzt. Der Physikprofesser, Prof.Dr.Dr. Wichtig, ist nämlich das pure Gegenteil von Prof. Schnurrbart. Mit monotoner Stimme trägt er diese und jene physikalischen Gesetzmässigkeiten vor. Die meisten Studenten verzichten mangels zur Verfügung gestellter Unterlagen seitens des Profs auf das Mitschreiben und widmen sich stattdessen dem Austausch von Neuigkeiten beziehungstechnischer Art. Ian kann da zwar nicht mitreden, doch Prof.Dr.Dr. Wichtig zuzuhören fällt ihm trotzdem schwer. Sein oberer Lidheber bemüht sich noch eine kurze Zeit, doch verliert schliesslich den Kampf gegen die Schwerkraft und bleierne Müdigkeit. Weshalb sind die Physikhörsääle auch immer so schummrig beleuchtet… Nach einer gefühlten Ewigkeit endet Prof.Dr.Dr. Wichtig mit dem Hinweis, dass die Physik einen nicht unerheblichen Anteil an den kommenden Prüfungen ausmachen wird – Ian kennt das Lied inzwischen schon auswendig.

In der Mittagspause bereitet er sich noch kurz auf das Physiologiepraktikum vor, es verspricht wie immer sehr abwechslungsreich zu werden. Sechs Stunden später ist Ian zwar übel, doch das Experimentieren mit Drehstuhl und verschiedenen Brillengläsern hat ihm auf anschauliche Weise die selben Gesetze verdeutlicht, von denen bei Prof.Dr.Dr. Wichtig eben noch die Rede waren. Das ist eben der Unterschied zwischen Physik und Physiologie, denkt er bei sich und steigt ins Tram, wo er noch ein Exemplar der Gratiszeitung findet. Mit dem Gefühl, nach der Lektüre endgültig verblödet zu sein, steigt er bei dem nächsten Supermarkt aus, um dem WG-Kühlschrank wieder einmal zu mehr Inhalt zu verhelfen. Um 19:30 isst er die Reste vom Vortag und schaut dazu wieder einmal die Tagesschau, um in allfälligen Gesprächen über Politik und die Welt nicht wie der letzte Idiot dazustehen.

Nach dem Abendessen packt er tatsächlich noch die Anatomie-Lernkarten aus, und repetiert die Nerven und Gefässe der Extremitäten. Und da will auch noch der Vortrag über die Peritonealverhältnisse der inneren Organe, den er im nächsten Präpkurs zu halten hat, vorbereitet werden… Um 23:30 checkt er zum letzten Mal die Uni-Homepage und druckt die soeben aufgeschalteten Folien für den nächsten Tag aus. Professoren arbeiten also auch noch um diese Uhrzeit, schiesst es Ian durch den Kopf, bevor er in sein Bett sinkt. Er träumt von riesigen Nervenbahnen, die sich durch zu enge Foramina zwängen und von Blutkörperchen, die anstatt Sauerstoff Miniaturhirne in ihren Schlauchboot-Dellen transportieren…

Siehe auch: Was macht eigentlich

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2 Antworten to “Was macht eigentlich… II”

  1. chefarzt Says:

    Fleißig, fleißig, und dann auch noch Zeit zu bloggen …
    Anästhesie, ein sinnvoller Berufswunsch. Aber da liegen noch einige Semester dazwischen …

  2. ch-student Says:

    Es gibt eben solche und andere Tage… Und das mit dem Berufswunsch ist noch gar nicht in Stein gemeisselt. Aber wenn man mal träumen darf… 😉

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