Numerus Clausus oder Wie viele Ärzte braucht die Schweiz?

Der Kommentar von Hermione auf einen meiner ersten Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich mal kurz zitieren darf:

Bei euch gibts ausreichend Sitzplätze in den Hörsälen? Krass… Ich musste immer, wenn ich nicht mindestens 20min vor Vorlesungsbeginn da war, auf dem Fensterbrett oder dem Boden platznehmen…
Ich hab im falschen Land das falsche Fach studiert
.“

Es stimmt, dass bei uns immer der eine oder andere Platz im Hörsaal unbesetzt bleibt. Dies liegt nicht nur an der mangelnden Disziplin der Studierenden – auch bei Anwesenheit aller Studenten ist da noch ein bisschen Luft. Nein, Grund dafür ist der Numerus Clausus. Die Aufnahmekapazitäten für das Medizinstudium werden jährlich neu festgelegt.  Für dieses Jahr heisst das 1084 Studienplätze für Humanmedizin in der ganzen Schweiz – 70 mehr als letztes Jahr – verteilt auf sieben Universitäten. Der Numerus clausus wird aktiv, sobald die Zahl der Anmeldungen an einer Universität 120% der verfügbaren Studienplätze übersteigt. Dies wird damit begründet, dass das Medizinstudium sehr kostenintensiv und aufwändig sei und deshalb die Selektion vor Studienbeginn einfacher sei als alle erstmal ein Jahr „durchzufüttern“ und am Ende des 1.Jahres die Mehrzahl durchfallen zu lassen. Tatsächlich meldeten sich auch dieses Jahr mehr als 3800 Anwärter für das Medizinstudium an.

Ich persönlich kann die Begründung der Universitäten insofern nachvollziehen, als ich mir dieselbe Ausbildung wie ich sie im ersten Studienjahr genossen habe, nicht mit der drei- oder vierfachen Zahl an Studenten vorstellen kann. Doch auch für eine Aufstockung der Studienplätze um mindestens 20%, wie es der Schweizerische Wissenschaftsrat vor zwei Jahren gefordert hat, müsste investiert werden: Mehr Gruppenarbeitsräume, mehr Dozenten- und Assistentenstellen, mehr Leichen, mehr… Offenbar ist das der Politik zu teuer.

Immer öfters wird jetzt Kritik laut an der geringen Zahl der Studienplätze. Der Grund: Mittlerweile stammen 50% der in den schweizer Spitälern beschäftigten Assistenzärzte aus dem Ausland – sprich aus Deutschland. Ohne sie würde der Betrieb jedes einzelnen Krankenhauses zusammenbrechen. Diese Situation ist in doppelter Hinsicht problematisch: Erstens fehlen diese gut ausgebildeten Mediziner in Deutschland, das Problem wird also einfach abgeschoben. Zweitens finde ich es eine Schande, dass sich die Schweiz die Kosten für die Ausbildung von mehr Ärzten spart und stattdessen „fertige“ Ärzte aus dem Ausland rekrutiert.

Auf den öffentlichen Druck haben die Universitäten „reagiert“ und stellen ab diesem Jahr also 70 Studienplätze mehr zur Verfügung: 30 in Bern, 40 in Zürich (Wobei 20 davon für das neue Chiropraktik-Studium reserviert sind). Die restlichen Universitäten halten an ihren bisherigen Beschränkungen fest. Wir können von Glück reden, wenn sich auch in Zukunft deutsche Ärzte entschliessen, in die Schweiz zu kommen um unsere Patienten zu behandeln. Fair ist es nicht. Und geradezu zynisch ist vor diesem Hintergrund die ständige Anti-Deutsche-Kampagne unserer Sünneli-Partei.

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